Vallée de la Marne: konzentrierte Meunier-Champagner mit kühler Spannung
In Odile Thieullets Champagner hat der Meunier das letzte Wort: dicht, druckvoll, mit cremiger Textur und einer kühlen, leicht salzigen Linie. Die Rückkehr nach Cuisles und die Lehrjahre bei ihrem Bruder Cédric Moussé und bei Sébastien Mouzon haben ihr ein klares Ziel gegeben: Herkunft vor Technik. Seit 2021 füllt sie im kleinen Maßstab ab, arbeitet mit Tieren im Weinberg, viel Holz und sehr wenig Intervention. So entstehen ungeschminkte, präzise Weine, deren innere Ruhe nicht dämpft, sondern die Spannung im Glas bündelt.
Nicht jeder Weg in die Champagne beginnt im Weinberg. Odile Thieullet kam über Umwege zurück nach Cuisles im Vallée de la Marne, dorthin, wo ihre Familie seit Generationen Reben besitzt und der Meunier auf grüner Tonerde gedeiht. Seit 2018 arbeitet sie als Vigneronne, seit 2021 vinifiziert sie ihre Champagner unter eigenem Namen und macht damit etwas, das man in der Region selten so pur und konzentriert findet: ein sehr persönliches Projekt, das Tradition nicht nacherzählt, sondern weiterdenkt.
Prägend waren dabei die Lehrjahre an der Seite ihres Bruders Cédric Moussé und die Zeit auf dem Weingut von Sébastien Mouzon in Verzy. 2021 fing sie dann klein an, mit wenigen Fässern, auch weil der Jahrgang im Weinberg schwierig war. Heute stammen die Trauben aus den drei benachbarten Gemeinden Cuisles, Jonquery und Châtillon-sur-Marne. Odile ist die Schwester von Cédric Moussé, ja. Vor allem aber ist sie eine eigenständige Stimme, die den Meunier nicht als Ergänzung versteht, sondern als Zentrum.

Odile arbeitet im kleinen Maßstab und mit einer Konsequenz, die man schmeckt: Meunier als Herkunftserzählung, Holz als Werkzeug für Textur und Ruhe und eine Art von Minimalismus, die nicht asketisch wirkt, sondern selbstverständlich. Ihre Weine tragen Spannung und Tiefe nicht über Lautstärke, sondern über Substanz. Sie sind ungeschminkt, ohne dabei streng zu sein, und verbinden die runde, körperhafte Textur des Marne-Tals mit einer kühlen, salzigen Linie.

Confidentielle 2022 ist ihr Einstieg und zugleich das Fundament. Reinsortiger Meunier, gelesen in Cuisles, Jonquery und Châtillon-sur-Marne, überwiegend im Holz und nur zu einem kleineren Teil im Stahl ausgebaut. Dieser Champagner zeigt sehr gut, was Odile sucht: Druck am Gaumen, eine geschmeidige, fast cremige Textur und eine Frische, die nicht aus Analytik kommt, sondern aus der Arbeit mit dem Grundwein. Confidentielle soll langfristig als Solera weiterleben, also nicht jedes Jahr neu erfunden werden, sondern durch Kontinuität Tiefe gewinnen.
L’Indépendante 2021 geht einen Schritt weiter Richtung Präzision. Ebenfalls 100% Meunier, aber als Einzellage aus Châtillon-sur-Marne verstanden und konsequent im Barrique ausgebaut. Der Wein wirkt straffer und geradliniger, mit kühler Spannung und salziger Länge, ohne den Meunier zu verleugnen. Die Auflage ist extrem klein, eher ein Kapitel als eine Serie, und genau so sollte man den Champaner auch verstehen: als verdichteten Blick auf einen Ort und einen Jahrgang.

Im Weinberg setzt Odile auf Bodenarbeit und auf eine gemischte Landwirtschaft, die mehr ist als Augenwischerei zu Marketingzwecken. Über die kühlen Monate weiden Tiere, unter anderem Kunekune-Schweine und Hennen, zwischen den Rebzeilen und bringen Leben in den Boden. Gleichzeitig arbeitet sie mit schonendem Rebschnitt, der den Saftfluss respektiert und damit die Robustheit und Langlebigkeit der Stöcke fördern soll. Gelesen wird in kleinen Kisten, damit die Trauben intakt bleiben und der Most nicht schon auf dem Transportweg oxidiert.
Im Keller arbeitet sie überwiegend mit 228-Liter-Fässern, ergänzt durch ein kegelförmiges 600-l-Fass. Vergärung und Ausbau laufen mit wenig Eingriffen, natürlichen Hefen und einem sehr zurückhaltenden Schwefeleinsatz. Statt Kühlung nutzt sie, wenn der Winter es erlaubt, die Natur und stellt Fässer für die Stabilisierung ins Freie. Dieses Zusammenspiel aus Ruhe, Zeit und handwerklicher Kontrolle prägt den Stil ihrer Champagner: viel Textur, klarer Zug und eine Mineralität, die nicht dekorativ wirkt, sondern aus dem Wein heraus entsteht.

| Name | Odile Thieullet |
|---|---|
| Winzer | Odile Thieullet |
| Ort | Cuisles, Vallée de la Marne |
| Bewirtschaftung | biologisch (nicht zertifiziert) |
| Gären | spontane Gärung in Holzfässern |
| Ausbau | gebrauchtes Barriquefässer |
| Lagerung | gebrauchte Barriquefässer |
| Betriebsgröße | 0,5 Hektar |
| Produktion | 4.400 Flaschen |