Veröffentlicht am Mittwoch 20. Mai 2026
Coteaux Vitryats
In den Hierarchien der Champagne taucht das Vitryat selten auf. Keine Premier-Cru-Lagen, keine berühmten Hänge, keine Marketingmaschine. Stattdessen eine knappe Stunde Autofahrt von Épernay Richtung Osten, vorbei an Châlons, hinein in eine Ebene, die aussieht wie Hauptkornkammer und nicht wie Weinregion. Wer das einmal gemacht hat, versteht, warum diese 480 Hektar lange übersehen wurden und warum sich das gerade ändert.
Eine Anbauzone, die man verpasst, wenn man nicht weiß, dass sie da ist
Das Vitryat liegt zwischen Châlons-en-Champagne und dem Stausee Lac du Der, etwa 70 Kilometer östlich der Côte des Blancs. Hauptort ist Bassuet, ein 700-Einwohner-Dorf, das man auf einer Champagner-Karte mit der Lupe suchen muss. Reben gibt es in 15 umliegenden Gemeinden, eingebettet in eine flache Getreidelandschaft, die eine der größten Malzfabriken Frankreichs versorgt. Wer hier durchfährt, sieht zuerst Weizen, dann Raps, dann irgendwann ein paar Hänge, auf denen schmale Rebstreifen kleben. Mehr als die Hälfte der Parzellen ist kleiner als ein Hektar.
In Zahlen: 480 Hektar Rebfläche, 98 Prozent Chardonnay, ein Anteil von ungefähr 0,6 Prozent an der Gesamtfläche der Appellation. Zum Vergleich, die Côte des Blancs ist sechsmal größer, die Montagne de Reims fast das Zwanzigfache. Wer einen Côte-des-Blancs-Champagner sucht, hat die Wahl unter Hunderten Etiketten. Wer einen aus dem Vitryat will, findet vielleicht ein Dutzend, die in Deutschland überhaupt eingeführt werden.
Vom 4.000-Hektar-Anbaugebiet zur Vergessenheit und zurück
Historisch war die Region kein Nebenschauplatz. 1837 standen hier 4.000 Hektar Reben, mehr als heute auf der gesamten Côte des Blancs. Das Vitryat lag an der Marne, an einer alten Handelsroute, und die Champagner aus Vitry gingen unter ihrem Namen in den Norden Frankreichs und ins damalige Deutschland. Drei Schläge brachten den Weinbau zum Erliegen: die Reblausplage in den 1890er Jahren, der Erste Weltkrieg, dessen Frontlinien quer durch die Champagne verliefen, und die Wirtschaftskrise der 1920er und 30er Jahre. Was übrigblieb, war Ackerland.
Die Wiederbelebung kam spät und in zwei Schüben. 1969 schlossen sich neun Landwirte zur Coopérative la Renaissance zusammen, die nach Voranlauf 1973 begann, gemeinsam Weinberge anzulegen und zu bearbeiten. Die ältesten heute produktiven Reben stehen seit 1976 im Boden. Erst 1990 erweiterte das Appellationskomitee die offizielle Rebfläche im Vitryat, was eine zweite Pflanzwelle in den 1990er Jahren auslöste. Die Coopérative la Renaissance vinifiziert seit 1993 in einer eigenen Kellerei, vermarktet ihre Weine seit 2001 unter der Marke Val Secret und bearbeitet heute rund 300 Hektar, also den Großteil der gesamten Rebfläche. Daneben gibt es zwölf Winzer, die unter eigenem Namen vinifizieren, plus eine Handvoll Genossenschaftsmitglieder, die ihren Anteil selbst vermarkten. Der Rest der Trauben fließt in die Cuvées großer Häuser, die hier zunehmend Chardonnay zukaufen, ohne die Herkunft offenzulegen.

Was die Region geologisch so spezifisch macht
94 Prozent der Vitryat-Hänge stehen auf Kreide aus dem Turonium, einer Schicht der Oberkreidezeit, geologisch 65 bis 90 Millionen Jahre alt. Diese Kreide ist fast weiß, in vielen Parzellen liegt sie nur eine Spatentiefe unter dem Mutterboden. Sie ist der gleiche Untergrund wie an der Côte des Blancs, jedoch mit einem messbar höheren Tonanteil. Im Glas wirkt sich das aus: Die Weine zeigen die salzige Mineralität, die man bei einem reinen Chardonnay auf Kreide erwartet, aber sie fühlen sich weicher an, mit mehr Fruchtfleisch und weniger Klingenschärfe.
Es gibt in der gesamten Champagne nur eine weitere Subregion mit derselben geologischen Signatur: Montgueux, eine Anhöhe bei Troyes, die durch Erzeuger wie Emmanuel Lassaigne international Aufmerksamkeit bekommen hat. Der Unterschied zwischen den beiden Hügeln ist klimatisch, nicht geologisch. Montgueux liegt etwas südlicher und ist im Schnitt ein bis anderthalb Grad wärmer. Wer Vitryat und Montgueux nebeneinander verkostet, bekommt eine Vorahnung davon, wohin sich die nördlichere Region in den nächsten zwei Jahrzehnten entwickeln dürfte. Aus Sicht der Kühle-Liebhaber unter den Champagner-Trinkern ist das eher eine schlechte Nachricht, aus Sicht der Erzeuger eine sehr gute.

Wer hier Wein macht und warum es so wenige sind
Die Struktur der Region ist Genossenschaft mit Solitären. Coopérative la Renaissance vinifiziert den Löwenanteil, ihre Weine sind handwerklich sauber gemacht, aber selten aufregend. Daneben halten zwölf Erzeuger den Eigenständigkeitsanspruch aufrecht. Bassuet ist mit 90 Hektar der größte Ort und gleichzeitig das Zentrum der Selbstvermarktung. Hier sitzt Champagne L'Hoste, geführt von Clément L'Hoste seit zehn Jahren, mit 18 Hektar Chardonnay sowie kleinen Parzellen Pinot Noir und Meunier. L'Hoste arbeitet klassisch: malolaktische Gärung, seit 2016 ein wachsendes Reservelager in Edelstahl, Cuvées, die im Lokalvergleich erfreulich tief und strukturiert wirken. Die Spitzen-Cuvée Les Loges Blanc de Blancs ist ein Argument gegen jeden, der das Vitryat für eine reine Frische-Region hält.
Zwei Außenstehende sind hier ebenfalls aktiv. Pascal Doquet, einer der wichtigen Bio-Erzeuger der Côte des Blancs, fährt regelmäßig die rund 60 Kilometer von Vertus herüber und vinifiziert seine Vitryat-Parzellen separat. Seine Cuvée Horizon kommt aus drei Lagen rund um Bassuet, etwa 3.000 Flaschen pro Jahr, schmal in der Statur, aber mit beachtlicher Tiefe. Doquets Engagement war über Jahre ein Indikator: Wenn jemand mit seiner Reputation den Aufwand betreibt, lohnt sich der Blick. Hinzu kommen lokale Bio-Pioniere wie Bertrand Trepo mit gut vier Hektar und einige jüngere Stimmen, die sich gerade etablieren.
Antoine Chevalier als Verdichtung dessen, was hier passiert
Wer das Vitryat heute am eigensinnigsten interpretiert, ist Antoine Chevalier in Vitry-en-Perthois. Seine Geschichte ist instruktiv, weil sie zeigt, wie ein Generationswechsel in dieser Region aussieht. Sein Großvater Guy, von Beruf Landwirt und Viehzüchter, kaufte 1925 die ersten Reben und gehörte zu denen, die 1973 die zweite Pflanzwelle in Bassuet anschoben. Sein Vater Dominique blieb beim klassischen Modell, also Trauben an die Coopérative. Antoine selbst hat 2014 das Lycée Viticole in Avize abgeschlossen, arbeitete fast ein Jahrzehnt als Berater für andere Winzer und übernahm 2,5 Hektar aus dem Familienbetrieb. Sein erster Jahrgang 2016 bestand aus vier Fässern. Der Marktstart der ersten Flaschen fiel in den November 2020, also direkt in die Champagner-Apokalypse der Pandemie. Schlechter konnte man es kaum legen.
Seitdem ist sein Programm gewachsen. Zehn Parzellen in Vitry-en-Perthois, Couvrot und Val-de-Vière, alle separat vinifiziert, biologisch zertifiziert seit 2020, Demeter-biodynamisch seit 2021. Antoine baut ausschließlich Jahrgangschampagner aus. Es gibt keine Assemblage über mehrere Lesen, keinen Hausstil, der über den Jahrgang hinweg geglättet wird. Stattdessen wird jedes Jahr eigenständig auf die Flasche gebracht. Im Keller stehen eine alte Coquard-Presse, gebrauchte Barriques, Beton-Eier, Keramikgebinde und Edelstahltanks. Spontane Gärung, biologischer Säureabbau zugelassen, minimale bis null Dosage, kein zugesetzter Schwefel bei den Top-Cuvées. Gesamtproduktion: etwa 8.000 Flaschen.
Verkostet habe ich seine Weine zuletzt im Frühjahr in München, im Direktvergleich mit drei Côte-des-Blancs-Champagnern aus derselben Preisklasse. Der Tecta Silva "Les Renardes à Couvrot" 2020, ein Brut Nature, zeigte sich straffer, salziger und mit einer fast pikanten Kreidewürze, die ich von Avize so nicht kenne. Der Carkonnia "Le Jardin de Meunier" wirkte runder, mit dezenter Holznote und einer Frucht zwischen Quitte und Williams-Birne. Bei beiden lag der Preis um 68 Euro pro Flasche. Das ist nicht günstig, aber im Vergleich zu Single-Vineyard-Champagnern der etablierten Großen ein realistisches Niveau.

Was dafür spricht und was dagegen
Drei Argumente sprechen dafür, dass das Vitryat in den nächsten Jahren mehr Aufmerksamkeit bekommt. Erstens die Geologie, die durch die Parallele zu Montgueux belegbar gut ist. Zweitens die Klimaentwicklung, die der etwas kühleren, etwas später reifenden Region in die Hände spielt, während die Côte des Blancs zunehmend mit Hitzejahren kämpft. Drittens eine kleine, aber wachsende Gruppe ernsthafter Winzer, die ihr Terroir nicht mehr in anonymen Cuvées versickern lassen.
Was dagegen spricht, ist die Größe. 480 Hektar sind nicht viel. Zwölf eigenständige Erzeuger sind keine kritische Masse. Die meisten Trauben gehen nach wie vor in die Coopérative oder an Häuser im Norden, die diese Herkunft nicht offenlegen. Wer eine Region sucht, in der jedes Dorf seinen Star und jeder Hang seinen Namen hat, ist hier falsch. Das Vitryat wird auch in fünf Jahren keine Côte des Blancs sein. Es wird wahrscheinlich bleiben, was es ist: eine kleine, sperrige Adresse für Käufer, die das Übersehene mögen.
Was ich daraus mitnehme
Ich besuche die Champagne seit über zwanzig Jahren mehrmals im Jahr, und ich war lange skeptisch, ob im Vitryat genug Substanz steckt, um die Anfahrt zu rechtfertigen. Seit Antoine Chevalier seine Weine eigenständig vermarktet und Clément L'Hoste in Bassuet seine Spitzen-Cuvées geschärft hat, hat sich das verschoben. Es gibt jetzt eine Handvoll Champagner aus dieser Region, die ich in Blindverkostungen gegen vergleichbare Avize- oder Vertus-Weine antreten lassen würde, ohne mit den Schultern zu zucken.
Für den deutschen Markt heißt das: Wer ein neues Geschmacksbild sucht, das nicht aus den üblichen Cru-Dörfern stammt, sollte hier reinhören. Wer Antoines Arbeit direkt probieren will, findet seine Champagner in unserer Auswahl. Wer Lust hat, das Vitryat im Vergleich zu anderen Subregionen kennenzulernen, ohne sich auf einzelne Flaschen festzulegen, ist mit unserem Champagner Abo am besten unterwegs. Wir nehmen die Region regelmäßig in die Auslieferungen mit auf, gerade weil sie unterrepräsentiert ist und ein paar Überraschungen bereithält, die in keiner Standardkarte stehen.