Veröffentlicht am Freitag 27. März 2026

Champagne Frühjahr 2026

Ende Februar sind die Weinberge kahl, die Luft ist (eigentlich) noch kühl und die Champagne zeigt sich von ihrer ungeschönten, ruhigen Seite. Genau der richtige Moment, um unsere Winzer zu besuchen. Kein Trubel, keine Erntehetze – die Keller sind voll, die Weine ruhen und es bleibt endlich Zeit zum Reden. Vier Tage, elf Stationen, viele gute Gespräche!

Champagne Frühjahr 2026

Beim Verlassen des regnerischen Münchens hätten wir nicht erwartet, in der Champagne auf frühlingshaft anmutende 20 °C bei strahlendem Sonnenschein zu treffen. Was sich zunächst angenehm anfühlte, war besonders für unsere Winzer an der Côte des Bar ein ernstes Thema: Die Region liegt deutlich weiter südlich als das Kerngebiet der Champagne, und an einigen Reben waren bereits vereinzelt erste Knospen zu sehen. In den Gesprächen war die Sorge deutlich herauszuhören: ein noch folgender Frost, wie er bis in den späten April durchaus möglich bleibt, könnte verheerende Schäden an den sprießenden Reben anrichten. Die Winzer weiter nördlich an der Montagne de Reims dagegen zeigten sich weitgehend entspannt: Dort ist die Natur noch merklich weiter zurück, das Erwachen der Reben noch nicht in Gang gekommen. Ein kleines, aber eindrückliches Beispiel dafür, wie verschieden die klimatischen Realitäten innerhalb derselben Weinregion ausfallen können.
 

Côte des Bar

Gestartet sind wir am Morgen des ersten Besuchstags bei Petit Clergeot mit einer Tour durch Paul-Bastiens Weinberge und einem anschließenden Tasting. Der Jungwinzer übernahm 2017 das Familienweingut in Polisot und verfolgt seit Beginn eine klare Philosophie: „eine Parzelle, eine Rebsorte, ein Jahrgang.“ Seine rund acht Hektar verteilen sich auf die Gemeinden Polisot, Les Riceys und Montgeaux. Letzteres liegt rund 50 km nördlich der anderen Lagen und liefert herausragenden Chardonnay, während in Polisot und Les Riceys kräftige Pinot-Noir-Reben auf Kimmeridge-Kalk stehen. Im Weinberg arbeitet Paul-Bastien biologisch und biodynamisch, Kompost stellt er auf Basis von Pferde- und Kuhmist selbst her, den Boden bearbeitet er teils mit Schweinen.

Im Keller zeigte er uns stolz seine Coquard-Presse mit 4.000 kg Fassungsvermögen, gehalten im charakteristischen Orange des Betriebs, ausgestattet mit einem temperaturgesteuerten Auffangbecken, das den Presssaft direkt kühlen kann. Beim Ausbau setzt er auf ein Trio aus Edelstahltanks, gebrauchten Holzfässern und Amphoren. Im anschließenden Tasting konnten wir auch die neue Cuvée Le Gang des Vieilles probieren, die wir bald im Programm haben werden. Aus alten Rebstöcken, im Holzfass und in der Amphore ausgebaut, kraftvoll und doch überaus frisch und strukturiert.

Champagne Frühjahr 2026
 

Champagne Frühjahr 2026

Direkt im Anschluss fuhren wir nach Celles-sur-Ource zu Julien & Karine Prélat, und beide nahmen sich Zeit für eine ausführliche Kellertour und ein gemeinsames Tasting. Julien hat 2000 seinen eigenen Betrieb gegründet, nachdem seine Familie bereits drei Generationen lang Weinbau betrieb, aber nie eigene Champagner produziert hatte. Dieser Schritt war für ihn eine bewusste Entscheidung, konsequent umgesetzt: Von seinen insgesamt zehn Hektar erzeugt er nur von vier eigenen Wein, die Trauben der übrigen Rebfläche verkauft er. Julien erzeugt ausnahmslos Einzellagenchampagner, ohne Reserveweine, strikt nach Parzellen getrennt ausgebaut. Das Sortiment spiegelt die erstaunliche Rebsortenvielfalt seiner Weinberge wider, von einem reinsortigen Meunier (eine Rarität an der Côte des Bar!) über Chardonnay und Pinot Noir bis zum selten anzutreffenden Pinot Blanc La Lemblee. Und Karine Prélats eigenes Projekt verdient mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit: 2019 erbte sie von ihren Eltern zwei kleine Parzellen in Riceys und brachte 2020 die ersten eigenen Coteaux Champenois auf den Markt. Rotwein aus Pinot Noir im Burgunderfass, Weißwein aus Pinot Blanc, Petit Meslier und Chardonnay im Betonei ausgebaut, und einen Rosé des Riceys.

Die Kellertour führte uns zunächst vorbei an seinen Gyropalettes, mit denen er das Rütteln des Hefesatzes in den Flaschenhals vor dem Dégorgement deutlich beschleunigt, und zeigte auch bei den Gebinden für den Ausbau der Grundweine eine schöne Vielfalt: Edelstahltanks, gebrauchtes Holz und Betoneier stehen hier nebeneinander. Über ein zweites Gebäude mit Büro im Eingangsbereich gelangten wir unvermittelt zu einem kleinen, wunderschön eingerichteten Verkostungsraum, eine echte Tasting-Oase, mit der wir so nicht gerechnet hatten. Dass die beiden so entspannt und begeistert über ihre Arbeit sprechen, macht diesen Besuch jedes Mal besonders. Den Abschluss des Vormittags bildete ein angenehmes Mittagessen im nahegelegenen Ort Bar-sur-Seine.

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Champagne Frühjahr 2026

Am Nachmittag ging es weiter zu Pierre Bocard, ebenfalls in Celles-sur-Ource. Vom Betrieb aus fuhr uns Thibaud Brocard mit seinem Geländewagen direkt in den Weinberg, wo er uns erläuterte, was die Côte des Bar trotz aller Herausforderungen des Klimawandels zuversichtlich stimmt: Höhere pH-Werte, geringere Säure, frühere Ausreifung und steigende Alkoholwerte sind reale Herausforderungen, aber der kalkreiche Portlandium- und Kimmeridgium-Unterboden bewahrt den Weinen ihre Frische, Salzigkeit und Eleganz. Einen eindrucksvollen Querschnitt durch besagten Portlandium-Boden zeigte er uns gleich vor Ort.

Zurück auf dem Weingut erklärte er uns anhand zunächst wirr erscheinender Kreideaufzeichnungen an einem Tor seine Philosophie der Weinbereitung: Es gilt, die richtige Balance zwischen den Polen „konventionell“ und „natural“ zu finden. Ein Gleichgewicht, das Thibaud über die Jahre immer wieder hinterfragt und neu justiert. 2012 hat er das Familienweingut übernommen und führt es in der mittlerweile fünften Generation. Die sieben Hektar in Celles-sur-Ource verteilen sich auf zwölf Lagen mit unterschiedlichsten Böden, jede Parzelle separat ausgebaut. Beim Tasting konnten wir auch einen Blick auf die neuen, nun vereinheitlichten Etiketten werfen. Thibauds persönlicher Favorit war übrigens Contrée Noire, an dem er seit 15 Jahren feilt: ein reinsortiger Jahrgangschampagner aus Pinot Noir, der in jedem Jahrgang frisch, salzig und unverkennbar Côte des Bar ist, für ihn eine Visitenkarte.

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Champagne Frühjahr 2026

Bevor es weiter in die Montagne de Reims ging, legten wir einen kurzen Zwischenhalt bei Drappier in Urville ein. Das Champagnerhaus ist zwar formal ein Négociant Manipulant, tickt aber eher wie ein kleiner Winzer: familiär geführt, tief in der Côte des Bar verwurzelt, mit einem klaren Bekenntnis zu Pinot Noir und einem unverwechselbaren Stil. Was Drappier zusätzlich auszeichnet, sind konsequent niedrige Schwefelwerte in den Weinen, eine Seltenheit in dieser Größenordnung. Der Besuch war diesmal bewusst kurz gehalten: Eine Verkostung der Champagner aus unserem Sortiment in einem eleganten, klar auf Besucher ausgerichteten Verkostungsraum mit schönem Ausblick. Währenddessen kam Winzerlegende Michel Drappier persönlich an unseren Tisch und unterhielt sich in bestem Deutsch mit uns. Ein angenehmer, ruhiger Abschluss des Tages an der Côte des Bar, bevor wir uns auf den Weg nach Norden machten.


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Montagne de Reims

Erster Halt an der Montagne de Reims: Pierre Deville in Verzy. Jungwinzer Alban Corbeaux fuhr mit uns zunächst in den Weinberg, wo er uns einige seiner Überzeugungen anschaulich vor Augen führte. So pflanzt er beispielsweise in jeder siebten Rebzeile Bäume, um die Biodiversität zu fördern: Natürliche Fressfeinde von Schädlingen finden so einen Lebensraum, ohne dass die Bewirtschaftung leidet, denn dank des großzügigen Abstands können die Weinberge weiterhin mit dem Traktor befahren werden. Je nach Wachstumsphase der Rebe bleiben die Rebzeilen zudem mit Gräsern und Leguminosen (Hülsenfrüchtlern) begrünt. Letztere binden Stickstoff aus der Luft und reichern so den Boden auf natürlichem Weg an, während die Begrünung insgesamt die Bodenstruktur stabilisiert und Erosion verhindert. An einem Steilhang am Waldrand veranschaulichte Alban uns dann den typischen Kreideboden von Verzy: porös, bröckelig, und bereits kurz unter der Humusauflage vorhanden. Genau diese Brüchigkeit ist ein Segen für die Reben, denn sie können ihre Wurzeln vergleichsweise leicht durch die Kreide treiben und sich auf die Suche nach Wasser und Nährstoffen in der Tiefe machen.

Zurück im Betrieb präsentierte er uns stolz seine neueste Errungenschaft: Anstelle des nicht mehr genutzten Swimmingpools der Großeltern hat er im Kellergeschoss einen neuen Fasskeller angelegt, den er gut gebrauchen kann, denn alle Grundweine reifen bei ihm in gebrauchtem Holz. Bei einer kurzen Fassprobe konnten wir uns davon unmittelbar überzeugen. Das anschließende Tasting umfasste das gesamte Sortiment, darunter auch einen neuen Coteaux Champenois und einen Ratafia. Alle Etiketten zieren Illustrationen seines Künstler-Großvaters. Die fünf Hektar in der Grand-Cru-Gemeinde Verzy mit östlich und gelegentlich nördlich ausgerichteten Hängen liefern Weine, die schlanker und frischer sind als das kraftvollere Profil von Bouzy oder Ambonnay. Die 36 Lagen sind zu 60% mit Chardonnay und 40% mit Pinot Noir bestockt, ausgebaut auf spontane Gärung, voller Hefe und einer stets niedrigen Dosage.

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Champagne Frühjahr 2026
 

Weiter ging es nach Louvois zu Domaine Méa. Aufgrund des ausführlichen Besuchs bei Alban Corbeaux waren wir in Verzug geraten, doch Franck Moussié wartete geduldig und empfing uns dennoch herzlich, obwohl er eigentlich dringend Arbeiten im Weinberg zu verrichten hatte. Hinter dem Betrieb steht Sophie Moussié, fünfte Generation einer seit fast einem Jahrhundert in Louvois verwurzelten Winzerfamilie, die Domaine Méa seit 2019 gemeinsam mit ihrem Mann führt. Das Konzept lebt vom Spannungsfeld zweier klimatisch grundverschiedener Terroir-Zonen der Montagne de Reims: der reife, Pinot-Noir-dominierte Süden mit den Grands Crus Bouzy und Louvois auf der einen, der straffe, frischere Norden mit Ludes und Montbré auf der anderen Seite. Diese beiden Pole nebeneinanderzustellen und im Glas erlebbar zu machen, ist der eigentliche Kern des Hauses. Bei der Verkostung zeigte uns Franck auch das Redesign der Basis-Cuvée: Die bisherige L'Assemblage wird künftig unter dem Namen poetischeren Namen L'Âme erscheinen und fügt sich damit auch nahtlos in das Erscheinungsbild der übrigen Etiketten ein, die allesamt liebevoll gestaltet sind und jeweils eine kleine Geschichte erzählen.

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In Villers-Marmery wartete am Nachmittag A. Margaine auf uns. Tochter Mathilde Margaine nahm uns mit in den Weinberg, wo gerade die so genannte „Taille“ in vollem Gange war: Ende Februar schneiden die Winzer die Reben auf die gewünschte Anzahl Augen zurück, um den späteren Ertrag zu steuern, eine der wichtigsten und arbeitsintensivsten Phasen im Jahreskalender. Dort trafen wir kurz auf Arnaud Margaine, der fleißig selbst mitanpackte, und tauschten zwischen den Reben ein paar Worte mit ihm aus. Nicht von unserer Seite wich dabei der Familienhund, der mit den frisch abgeschnittenen Rebstöcken offensichtlich ganz andere Pläne hatte als das übliche Kleinhäckseln und Wiederausbringen im Weinberg.

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Zurück im Weingut führte uns Mathilde kurz durch die Kellergebäude. Im Ausbau dominieren Edelstahltanks, welche die Frische und Lebendigkeit des Chardonnay bewahren. Ergänzend kommt aber auch gebrauchtes Holz in kleinen und großen Gebinden zum Einsatz. Villers-Marmery ist eine Chardonnay-Insel mitten in der von Pinot Noir geprägten Montagne de Reims, mit kreidekalkhaltigem Untergrund und einem ortstypischen Klon, den man so nur in diesem kleinen Bereich der Champagne findet. Die 6,5 Hektar sind zu über 90% mit Chardonnay bestockt. Bei der anschließenden Verkostung probierten wir uns durch die gesamte Palette in unserem Sortiment. Als besonderes Highlight stellte uns Mathilde die Cuvée M vor, die in zwei Jahren ihr 20-jähriges Bestehen feiert. Sie basiert auf einer Solera aus Reserveweinen, die aktuell von 2020 bis 2002 zurückreicht, und demonstriert eindrucksvoll, wozu Chardonnay mit Zeit in der Lage ist: Oxidative Tiefe, eine rauchige, nussige Komplexität, die dennoch die Salzigkeit und Eleganz der Region bewahrt. Fünf Jahre auf der Hefe tun ihr Übriges. Mathilde erklärt das alles mit einer Begeisterung, die unmittelbar ansteckt.

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Den Nachmittag beschloss ein Besuch bei Redon in Trépail, der letzten Station des  zweiten Tages. Adrien Redon führt den Familienbetrieb gemeinsam mit seiner Frau und seinem Bruder, ein eingespieltes Team. Alle Weinberge liegen in Trépail, einem Dorf im Osten der Montagne de Reims, das unter Kennern vor allem für eines bekannt ist: außergewöhnlichen Chardonnay. Mitten in einem Gebiet, das von Pinot Noir dominiert wird, bringt Trépail Blanc de Blancs von bemerkenswerter Eigenständigkeit hervor.

Bei der ausführlichen Verkostung stellte Adrien besonders Un R de Rien in den Vordergrund, einen reinsortigen Chardonnay und damit ein Paradebeispiel für das, was Trépail kann. Halb in Edelstahl, halb in Holz ausgebaut, ohne Dosage, und dennoch alles andere als schlank: cremige, buttrige Noten, am Gaumen vollmundig und rund, mit einem langen Abgang, der Vanille und Mandeln anklingen lässt. Frische, Schmelz und Präzision in einem. Was den Besuch besonders in Erinnerung bleibt, ist Adriens Art: ruhig, gelassen, ausgesprochen sympathisch, und das trotz einer kleinen Sprachbarriere, denn Adrien sprach ausschließlich Französisch, und wir hangelten uns mit unseren lückenhaften Kenntnissen mehr schlecht als recht durch das Gespräch. Die Cuvées dagegen haben sich dabei ganz von selbst erklärt. Redon ist bei uns einer jener Betriebe, die man ohne Zögern empfehlen kann: verlässlich in der Qualität, eigenständig im Stil, ausgesprochen preiswürdig.

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Champagne Frühjahr 2026

Zurück ins Reims wartete am Abend noch ein kulinarisches Highlight auf uns: Im Le Bocal, einem auf Fisch und Meeresfrüchte spezialisierten Restaurant mitten in der Stadt, ließen wir den Abend bei frischen Austern, feinen Fischspezialitäten und natürlich dem einen oder anderen Glas Champagner ausklingen und den ereignisreichen Tag in Ruhe Revue passieren.

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Côte des Blancs, Vallée du Petit Morin & Vallée de la Marne

Der dritte und letzte Besuchstag begann bei Pernet & Pernet in Vertus an der Côte des Blancs. Beim traditionsreichen Familienweingut, 1872 gegründet und seit 2010 von Marion Pernet und ihrem Mann Kurt Zimmermann geführt, empfing uns Kurt. Die knapp neun Hektar verteilen sich auf den Premier-Cru-Ort Vertus an der Côte des Blancs sowien die Grand-Cru-Gemeinden Ambonnay und Bouzy an der Montagne de Reims, eine seltene Kombination, die das Sortiment enorm bereichert: Chardonnay-Präzision von der Côte des Blancs, Pinot-Kraft und -Würze aus der Montagne. Seit 2014 arbeitet Kurt auf 100% in seinem Weinbergen komplett nach biologischen Maßstäben.

Die Kellertour zeigte eine schöne Vielfalt: Edelstahltanks verschiedenster Größen dominieren, ergänzt durch gebrauchte kleine und große Holzfässer. Besonders stolz präsentierte Kurt eine neue Anschaffung: eine Presse mit 6.000 kg Fassungsvermögen, deutlich mehr als die üblichen 4.000 kg. Der Vorteil liegt auf der Hand, denn damit lassen sich auch größere Weinberge in einem einzigen Durchgang verarbeiten. Das Portfolio spiegelt die geografische Zweiteilung des Guts unmittelbar wider: Die Blanc de Blancs aus Vertus steht für Frische und Kreide-Mineralität, während die Blanc de Noirs aus Ambonnay und der Millésime Blanc de Blancs Mont Frères die Kraft und Würze der Montagne de Reims in die Flasche bringen. Letzterer liegt ganze fünf Jahre auf der Hefe. Eigens für unser Tasting degorgierte Kurt eine noch reifende Flasche à la volée, also ohne das Einfrieren des Hefesatzes. Eine kleine Kunstfertigkeit, die man nicht überall zu sehen bekommt.

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Champagne Frühjahr 2026

Von Vertus führte uns der Weg weiter ins Vallée du Petit Morin, eine der stillen, oft übersehenen Ecken der Champagne zwischen der Côte des Blancs und der Côte de Sézanne. In Villevenard erwartete uns Champagne Roger Barnier. Frédéric Berthelot und seine Tochter Alix, bereits die sechste Generation, empfingen uns herzlich. Die Geschichte des Betriebs beginnt mit Roger Barnier, der einst als Koch aus Paris in sein Heimatdorf zurückkehrte, und dieser Anspruch an Präzision und Genuss ist bis heute in jedem Glas spürbar. Frédéric selbst ist ebenfalls leidenschaftlicher Koch, und auch das merkt man: Die Champagner sind gastronomisch gedacht, frisch, lebendig, mit innerer Spannung und feiner Struktur. Meunier bekommt hier die Bühne, die er verdient, Chardonnay setzt mineralische Akzente. Auf acht Hektar in 42 Weinbergen entsteht das alles zu einem Preis-Genuss-Verhältnis, das für dieses Niveau bemerkenswert attraktiv ist.

Den Auftakt machte eine ausführliche Verkostung aller aktuellen Cuvées, darunter als besonderes Highlight die neue Einzellagen-Cuvée Les Foulonnes, der erste eigene Champagner von Jungwinzerin Alix Berthelot. Weitere ihrer Favoriten waren die Einzellage Les Chauffours sowie die Assemblage Cuvée Exquise. Während der anschließenden Kellertour entdeckten wir neben einer traditonellen Coquard-Korbpresse, Edelstahltanks und gebrauchten Holzfässern auch Reihen an Emaille-Tanks, ein eher seltener Anblick. Den stärksten Eindruck hinterließ jedoch der abschließende Blick in die Schatzkammer: Im Eingangsbereich standen A-förmige Pupitres, in denen einige Flaschen noch von Hand gerüttelt werden. Weiter hinten im urigen Keller erstreckten sich in mehreren Gängen schier endlose Wände voller Flaschen, die "sur lattes" auf der Hefe ruhen und auf ihr Dégorgement warten.

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Champagne Frühjahr 2026

Von Villevenard machten wir einen kurzen Abstecher zurück an die Montagne de Reims nach Vrigny zu Guillaume Sergent. Guillaume empfing uns in seinem einladenden, weitläufigen Wohnzimmer, ein Empfang, der den persönlichen, fast familiären Charakter dieses Kleinstbetriebs sofort spürbar machte. Gerade einmal zwei Hektar Rebfläche, rund 6.000 Flaschen pro Jahr, bewirtschaftet Guillaume. Was er daraus macht, ist umso beeindruckender. Ein paar Türen weiter präsentierte er uns dann mit sichtlichem Stolz sein jüngstes Projekt, einen brandneuen Fasskeller. Bislang musste Guillaume seine Grundweine in der benachbarten Genossenschaft lagern, nun hat er sie unmittelbar bei sich, kann jederzeit nach ihnen sehen, eingreifen, verkosten. Von allen reifenden Cuvées gab es eine Fassprobe, und das ist jedes Mal ein spannender Einblick, denn man erlebt die Champagner in einem Stadium, in dem sie noch im Werden sind, roh, offen, voller Potenzial.

Bei der anschließenden Verkostung seines Sortiments erzählte Guillaume uns die Entstehungsgeschichte der Cuvée Bossa Nova: 2021 war in der Champagne ein denkbar schwieriges Jahr, und es gab zu wenig Trauben, um die eigentlich geplante Cuvée Le Chemin des Chappes zu erzeugen. Guillaume musste umdisponieren, zog Lesegut weiterer Parzellen hinzu und arbeitete sich durch die Weinbereitung. Und während er die Grundweine immer wieder probierte, hatte er ständig dieselbe Melodie im Kopf: „Girl from Ipanema“. Der Song und dessen Rhythmus ließ ihn einfach nicht los, war so allgegenwärtig in dieser Phase, dass es ihm am Ende nur konsequent erschien, die neue Cuvée Bossa Nova zu taufen. Ein Champagner, der aus der Not geboren wurde und seitdem einen festen Platz im Sortiment hat.

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Von Vrigny führte uns der Weg weiter ins Vallée de la Marne, nach Cuisles zu Odile Thieullet. Bereits an der Ortseinfahrt wurden wir empfangen, allerdings von einer Gruppe Kunekune-Schweine, die uns neugierig durch den Zaun musterten. Die robusten Tiere aus Neuseeland gehören in den kühlen Monaten gemeinsam mit Schafen und Hennen zum festen Bestandteil des Weinbergs: Sie weiden zwischen den Rebzeilen, halten das Unkraut kurz und bringen Leben in den Boden.

Odile selbst, Schwester von Cédric Moussé und damit tief in der Winzerwelt der Champagne verwurzelt, empfing uns in ihrem weitläufigen Weinkeller. Ihre schüchterne Hundedame Vespa war ebenfalls Teil der Führung und wich dabei nicht von ihrer Seite. Die Grundweine von Odiles Meunier-Champagner reifen überwiegend in 228-Liter-Barriques, ergänzt durch ein kegelförmiges 600-Liter-Fass. Meunier ist Odiles Welt, aber keine einfache: Sie erläuterte uns anschaulich, warum die Rebsorte im Anbau anspruchsvoll ist. Die Beeren sitzen innerhalb einer Traube besonders kompakt und eng beieinander, was die Luftzirkulation und Trocknung der Beerenhäute erschwert und Pilzkrankheiten wie Mehltau begünstigt. Bei der Verkostung ihrer bald drei Cuvées, aktuell L’Indépendanté und Confidentielle, degorgierte Odile ebenfalls eine noch reifende Flasche à la volée, die zweite solche Vorführung auf dieser Reise, und auch diesmal ein kleines Spektakel. Odile ist offen, bodenständig und unkompliziert, und das spiegelt sich auch in der Gestaltung ihrer Etiketten wider: Eine Freundin übernahm die Illustrationen, und in jeder davon ist Odile selbst zu sehen, allerdings ganz klein und nur bei ganz genauem Hinsehen erkennbar. Gelebtes Understatement.

Champagne Frühjahr 2026

Champagne Frühjahr 2026
 

Den Abschluss des Tages und der gesamten Reise machte Champagne Guy Brunot in Dizy im Vallée de la Marne. Dort empfing uns Achim Wölfle, der zusammen mit seiner Frau Nathalie Brunot das Gut heute in dritter Generation führt. Nathalie ist in der Familie verwurzelt, Achim stammt von der Schwäbischen Alb und ist wie seine Frau Quereinsteiger, beide haben sich beim Studium im Allgäu kennengelernt. Statt Controlling und Personalberatung also Champagnerherstellung, und das mit vollem Einsatz: Beide haben sogar ihre Winzerausbildung noch nachgeholt. Auf gut vier Hektar im Vallée de la Marne, dominiert von Meunier, ergänzt durch Chardonnay und etwas Pinot Noir, entstehen rund 25.000 Flaschen pro Jahr. Die Champagner des Hauses tragen eine klare Handschrift: rund, harmonisch, zugänglich, mit einem großzügigen Anteil an Reserveweinen und einem biologischen Säureabbau, der ihnen Schmelz und Weichheit verleiht. Im weitläufigen Verkostungssaal, der von seiner Größe her auch ganze Reisegruppen ausgerichtet ist, verkosteten wir die aktuellen Abfüllungen aus unserem Sortiment und auch ein paar besondere neue Flaschen.

Champagne Frühjahr 2026

Nach insgesamt vier Reisetagen und elf Besuchen saßen wir mit dem guten Gefühl im Auto Richtung München, das nur Reisen dieser Art hinterlassen: Man kennt seine Winzer, man kennt ihre Weinberge, ihre Keller, ihre Motivation, und man weiß, warum man genau diese Champagner ins Sortiment nimmt und keine anderen. 

Danke fürs Lesen und bis zum nächsten Reisebericht!

Bernhard Meßmer und Johannes Pohl

Bernhard Meßmer
Über den Autor

Bernhard Meßmer

Bernhard Meßmer ist der Gründer der Münchner Weinschule „einfach geniessen“ und dem dazugehörigen Onlineshop einfachweinkaufen.de. Eine der Lieblingsbeschäftigungen des Sohns der VDP-Winzerfamilie Meßmer in der Pfalz, ist das Aufstöbern von spannenden Charakterweinen, die faszinieren. Seine besondere Leidenschaft gilt dem Champagner. Seit Jahren bereist er die Region sehr intensiv, um immer wieder neue Spitzenproduzenten zu finden und direkt zu importieren. Sein Engagement wurde auch durch den Gewinn des Wettbewerbs Champagner Botschafter Deutschland 2016 bestätigt. Außerdem ist Bernhard certified WSET-Educator sowie WSET Diploma Holder, und auch Geschäftsführer des Weininstituts München.

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