Veröffentlicht am Dienstag 06. Oktober 2026

Ernte 2026 in der Champagne

Wenig Menge, viel Charakter und kein 15-Prozent-Champagner!

Ernte 2026 in der Champagne

Vor drei Wochen waren wir in der Champagne und haben mit dreizehn unserer Winzerinnen und Winzer gesprochen. Die Lese war gerade vorbei, in vielen Kellern gärten die Weine noch. Fast zeitgleich erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel mit der Überschrift „Champagner, der richtig reinknallt“. Die Botschaft: Wer künftig einen 2026er öffnet, sei schneller beschwipst, denn jetzt seien bis zu 15 Prozent Alkohol erlaubt. Als Schlagzeile funktioniert das. Mit dem, was wir in den Kellern gesehen und probiert haben, hat es aber wenig zu tun. Hier ist unser Bericht.

Ein Jahr der Extreme

Im Frühjahr 2026 kam der Frost: Bei Flavien Nowack waren es zwei Frostnächte Ende März, bei anderen traf es die Reben im April. Ab Mai oder Juni regnete es dann monatelang kaum noch, dazu kamen mehrere Hitzewellen. Die Trauben reiften so schnell wie selten. Bei J. L. Vergnon an der Côte des Blancs stieg der Zuckergehalt zeitweise doppelt so schnell wie üblich. Die Lese begann deshalb schon Mitte August und war in fünf bis acht Tagen erledigt. In normalen Jahren beginnt sie erst im September.

Wenig Trauben, kleine Beeren

Wie hart die Frühjahrsfröste einen Betrieb getroffen haben, hing stark von der jeweiligen Unterregion der Champagne ab. Besonders bitter war es (wie fast immer, wenn es um Frühjahrsfröste geht) an der Côte des Bar und im Vallée de la Marne. Geringe Schäden gab es dagegen in der Montagne de Reims und an der Côte des Blancs. Der Frost erwischte vor allem tief gelegene Weinberge mit Böden, die feuchter sind. Mathilde Savoye verlor aber auch in ihrer oberen Chardonnay-Lage mit besserer Luftzirkulation 70 bis 80 Prozent der Ernte aufgrund der Minusgrade.

Die Trockenheit tat ihr Übriges: Die Beeren blieben klein und gaben wenig Saft. Um eine 4.000-kg-Presse zu füllen, brauchte Vergnon 110 bis 120 Kisten statt der üblichen 80.

Bild: Maxime Ponson


Die Höchstgrenze für 2026 wurde vom CIVC, dem regulierenden Verband in der Champagne, auf 8.800 Kilogramm pro Hektar festgelegt. In 2025 lag das Limit bei 9.000, 2024 bei 10.000 und 2023 bei 11.400. Nur in 2020, dem ersten Corona-Jahr, durfte mit 8.000 Kilogramm pro Hektar noch weniger geerntet werden. 

Unter unseren besuchten Winzern lagen die durchschnittlichen Erträge meistens zwischen 5.000 und 7.000 Kilogramm pro Hektar. Justin Maillard an der Côte des Bar hat etwa die Hälfte eines normalen Jahres geerntet. Es gab aber auch positive Ausnahmen: Louison Rivière spricht in ihren Grand-Cru-Lagen in Cramant von einer „très belle récolte“ mit rund 8.000 kg.

Die knappe Menge hat konkrete Folgen: Einige Winzer verzichten in diesem Jahr auf ihre Stillweine (Coteaux Champenois) oder auf einzelne Cuvées in ihrem Programm, weil schlicht nicht genug Wein da ist.

Die Qualität: besser als befürchtet

Die gute Nachricht ist: Die Trauben waren fast überall kerngesund, Fäulnis gab es so gut wie keine. Die Moste sind konzentriert und aromatisch.

Überrascht hat uns die Säure: Nach so einem heißen Sommer hätte man müde und breite Weine erwartet. Stattdessen haben viele Jungweine einen erfreulich niedrigen pH-Wert. Für Nicht-Chemiker heißt das: Je niedriger der pH-Wert, desto frischer und lebendiger schmeckt der Wein und desto besser hält er sich über die Jahre. Mathilde Savoye nennt die Säure „wunderbar“, Nowack spricht von „erstaunlicher Säure“.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Nicht in jedem Tank sieht es so aus. Für Justin Maillard war es die zentrale Herausforderung des Jahres, die Säure zu erhalten. Und einzelne Fassproben wirkten noch üppig, werden aber gezielt mit frischeren Partien aus den Vorjahren verschnitten.

Und was ist nun mit dem Alkohol?

Hier lohnt sich ein genauer Blick, denn hier kann es zu Missverständnissen kommen.

Wenn Champagner-Winzer vom Alkohol sprechen, meinen sie meist den Grundwein, also den stillen Wein nach der ersten Gärung („vin clair“). Der fertige Champagner hat am Ende mehr Alkohol. Bei der zweiten Gärung in der Flasche, die die Bläschen erzeugt, kommen noch einmal rund 1,3 Vol.-% dazu.

Unsere Winzer haben in ihren Grundweinen 2026 Folgendes gemessen:

  • Ponsart: im Schnitt 11,5 Vol.-%, maximal 12,1 Vol.-%
  • Gamet: im Kellerdurchschnitt 11,5 Vol.-%
  • Mathilde Savoye: 11,3 bis 12,0 Vol.-% 
  • Louison Rivière: 11,8 bis 12,3 Vol.-%
  • Cose: Pinot Noir 12,2 bis 12,3 Vol.-%, Chardonnay 11,7 Vol.-%

Spitzenwerte gab es vereinzelt bei spät gelesenen Chardonnay-Partien, etwa die von Justin Maillard mit mehr als 13 Vol.-%. Rechnet man die 1,3 Vol.-% der zweiten Gärung dazu, landen die meisten Champagner aus der Ernte 2026 bei etwa 12,8 bis 13,6 Vol.-%. Das ist spürbar mehr als üblich. Louison Rivière erinnert daran, dass ihre Grundweine sonst bei 10,5 bis 11 Vol.-% liegen. Mit 15 Vol.-% hat das aber nichts zu tun. Selbst die extremsten Einzelpartien kämen auf rund 14,4 Vol.-%, und auch die werden in aller Regel mit leichteren Weinen aus dem Vorjahr verschnitten.

Was stimmt: Das CIVC hat die Obergrenze für fertigen Champagner in diesem Jahr auf 15 Vol.-% angehoben. Das ist jedoch nur ein Sicherheitsnetz und die absolute Ausnahme. Ohne diese Regel dürften einige der kräftigen 2026er Grundweine gar nicht verkauft werden. Kein Winzer, mit dem wir gesprochen haben, strebt solche Werte an. Keiner unserer Winzer hat sie 2026 erhalten.

Bild: Johannes mit Flavien Nowack in dessen Versuchsweinberg

Wie die Winzer auf das extreme Jahr reagieren

Besonders spannend fanden wir, wie unterschiedlich die Betriebe mit dem Jahrgang 2026 umgehen.

Der richtige Lesezeitpunkt
Beispielsweise hat Gamet etwas früher geerntet, um die Säure zu bewahren. Nowack hat dagegen gewartet, bis die Trauben wirklich reif schmeckten, und dabei den Zuckergehalt im Blick behalten. Trotzdem sind seine Alkoholwerte nicht extrem hoch und die Weine schmecken faszinierend spannungsgeladen.

Reserveweine aus kühleren Jahren
Das ist der wichtigste Hebel. Drémont-Marroy hat in weiser Voraussicht große Mengen aus dem Vorjahr zurückgehalten. Nowack legt seit dem heißen Jahr 2020 gezielt Reserven aus frischeren Jahrgängen wie 2021 an, um damit warme Jahre auszubalancieren. Rousseaux-Batteux überlegt sogar, den 2026er gar nicht für seine Haupt-Cuvée zu verwenden.

Weniger Zucker für die zweite Gärung
Damit in der Flasche Kohlensäure entsteht, setzt der Winzer dem Grundwein eine kleine Menge Zucker und Hefe („liqueur de tirage“) zu, meist 22 bis 24 Gramm pro Liter. Nimmt er etwas weniger, steigt auch der Alkohol im finalen Champagner weniger. Diese Methode hat allerdings ihre Grenze: Geht man unter 15 g/L, fällt die Perlage sehr zart aus und ändert damit den Charakter deutlich. Aus 16 Gramm Zucker pro Liter entsteht übrigens rund ein Vol.-%. Damit ergibt die Reduzierung von 24 auf 16 g rund ein halbes Prozent weniger. 

Traubenmost statt Zucker
Das ist der ungewöhnlichste Weg, und bisher gehen ihn nur sehr wenige Produzenten. Statt Zucker kommt frischer Traubenmost in die Flasche. Der bringt seinen eigenen Zucker mit, verdünnt den Grundwein aber zugleich ein wenig. Unterm Strich steigt der Alkohol weniger stark, und alles in der Flasche stammt von der Traube. Nowack arbeitet in reifen Jahren schon seit Längerem so. Einfach ist das nicht, denn der Most muss frisch und kühl verfügbar sein, sobald abgefüllt wird. Justin Maillard denkt ebenfalls darüber nach, findet es derzeit aber noch zu aufwendig.

Bild: Weinberge in der Champagne

Unser Fazit

2026 ist ein kleiner, konzentrierter Jahrgang mit überraschend guter Säure. Die Champagner, die daraus entstehen, werden etwas kräftiger sein als gewohnt, eher um 13 als um 12 Vol.-%. Einen Champagner, der „richtig reinknallt“, wird es deshalb noch lange nicht geben. Es braucht in diesem Jahr aber mehr Handwerk im Keller als sonst, und genau das macht die Arbeit unserer Winzer so spannend. Bis die ersten Flaschen mit Weinen aus dieser Ernte bei Ihnen ankommen, dauert es noch mindestens bis 2028.

Wir sind gespannt und halten Sie auf dem Laufenden!

Bernhard Meßmer und Johannes Pohl

Bernhard Meßmer
Über den Autor

Bernhard Meßmer

Bernhard Meßmer ist der Gründer der Münchner Weinschule „einfach geniessen“ und dem dazugehörigen Onlineshop einfachweinkaufen.de. Eine der Lieblingsbeschäftigungen des Sohns der VDP-Winzerfamilie Meßmer in der Pfalz, ist das Aufstöbern von spannenden Charakterweinen, die faszinieren. Seine besondere Leidenschaft gilt dem Champagner. Seit Jahren bereist er die Region sehr intensiv, um immer wieder neue Spitzenproduzenten zu finden und direkt zu importieren. Sein Engagement wurde auch durch den Gewinn des Wettbewerbs Champagner Botschafter Deutschland 2016 bestätigt. Außerdem ist Bernhard certified WSET-Educator sowie WSET Diploma Holder, und auch Geschäftsführer des Weininstituts München.

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